Was bleibt aber, stiften die Träume [1]
Gedanken zum Traumverständnis der Daseinsanalyse
Von Charlotte Aigner
Als ich an einem andern Tage nach einem kurzen Nachmittagsschlaf die Augen öffnete meines Lebens noch nicht ganz sicher, hörte ich meine Mutter in natürlichem Ton von Balkon hinunterfragen:
„Was machen Sie?“
Eine Frau antwortete aus dem Garten: „Ich jause im Grünen“.
Da staunte ich über die Festigkeit mit der die Menschen das Leben zu tragen wissen.[2]
Franz Kafka
Sehr verehrte Zuhörende, ich freue mich sehr, heute hier zu sein und die Gelegenheit zu haben, mich mit zwei bedeutenden Vertreterinnen anderer psychotherapeutischer Richtungen, der Gestalttherapie und der Psychoanalyse, austauschen zu können, die sich schon eingehend mit Träumen und deren Bedeutung beschäftigt haben. Heute mag etwas beginnen, das hoffentlich weitergeführt wird und Früchte gegenseitiger Bereicherung tragen bzw. durch das Aufreizende der Unterschiede die Diskussionslust und vertiefte Auseinandersetzung anregen könnte. Ein Dialog verschiedener Schulen eröffnet uns die Möglichkeit, sich einander zu öffnen, sich vielleicht auch befremden zu lassen und somit das Eigene in lebendiger Entwicklung zu halten. Zur Vermittlung daseinsanalytischer Gedanken scheint mir der Dialog, der im Lichte des gemeinsamen Entdeckens und Aufdeckens steht, der gar nicht in erster Linie überzeugen, sondern anregen und bereichern will, am besten geeignet zu sein.
So bin ich wirklich dankbar für die Möglichkeit, die Daseinsanalyse und ihr Verständnis des Träumens hier zur Sprache bringen zu dürfen.[3]
Dabei versuche ich aus der umfangreichen daseinsanalytischen Literatur, die sich mit dem träumenden Sein und der Traumauslegung beschäftigt, einige Gedanken, die mich ansprechen und mir wichtig erscheinen, aufzugreifen. Aufgrund der gebotenen Kürze dieser Ausführungen kann ich vieles nicht im Detail ausführen und begründen, sondern möchte Denkanstöße, Impulse geben, die wir im anschließenden Gespräch aufgreifen können und weiterführen.
Neben den beiden großen Traumdeutungen von Sigmund Freud und C.G. Jung, so wie vielen mittlerweile existierenden Angeboten, Träume zu interpretieren, bis hin zur Künstlichen Intelligenz, die unsere Patientinnen und Patienten spürbar mehr nutzen, scheint die Traumauslegung der Daseinsanalyse nach wie vor eine wenig bekannte Alternative zu sein. Überhaupt ist die aus Zürich kommende Schule der Daseinsanalyse, die auf den jahrzehntelangen Austausch des Psychiaters und Analytikers Medard Boss mit dem Philosophen Martin Heidegger zurückgeht, immer noch sehr wenig bekannt, obwohl sie in Österreich schon seit 2004 als Fachspezifikum anerkannt ist. Das Österreichische Daseinsanalytische Institut für Psychotherapie, Psychosomatik und Grundlagenforschung, ging aus der Österreichischen Gesellschaft für Daseinsanalyse hervor und besteht seit 1995. Der Philosoph Karl Baier, heute Vizepräsident des ÖDAI, gehörte mit Augustinus Wucherer-Huldenfeld und Dieter Foerster, die beide nunmehr Ehrenpräsidenten sind, zu den Gründungsmitgliedern.
Lassen Sie mich nun einige einführende Worte zur Geschichte und der Methode der psychotherapeutischen Daseinsanalyse sagen, weil die spezielle Auffassung des träumenden In-der-Welt-seins und die Auslegung von Träumen in der Daseinsanalyse auf diesen philosophischen Grundlagen basiert.
Die Bezeichnung Daseinsanalyse wurde erstmals von dem Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger verwendet. Es handelt sich um eine Wortbildung, die Heideggers Daseinsanalytik und Freuds Psychoanalyse verbinden möchte, was sich auch in der Übernahme von Freuds Analyse-Setting abbildet. Die Züricher Schule der Daseinsanalyse, der sich auch das Österreichische Institut für Daseinsanalyse (ÖDAI) zuordnet, geht jedoch wesentlich auf Medard Boss und Gion Condrau zurück. Wichtige Heidegger-Schriften zum Thema sind „Sein und Zeit“ (1993) und die von Medard Boss transkribierten „Zollikoner Seminare“ (2006), welche Heidegger in Boss’ Haus in Zollikon über ein Jahrzehnt lang regelmäßig gehalten hat, sowie viele weitere Texte des Philosophen.
Was ist also die psychotherapeutische Daseinsanalyse?
Im Grunde geht es um eine Haltung, die - nach Edmund Husserl - „…zu den Sachen selbst“ vordringen möchte[4] und die vom Husserl-Schüler Martin Heidegger weiterentwickelt und in folgender Weise als phänomenologische Maxime formuliert wurde: „Das, was sich zeigt, so wie es sich von ihm selbst her zeigt, von ihm selbst her sehen lassen“.[5]
Die Daseinsanalyse versteht sich als tief in der Philosophie Martin Heideggers verwurzelte phänomenologisch-hermeneutische und psychotherapeutische Denkschule, Haltung und Praxis, die nach dem Sein des Seienden und nach dem Sinn von Sein fragt und in der Weise dieses Fragens das menschliche Dasein in seinem Wesen zu verstehen trachtet. An die Stelle des Begriffes der Psyche wird der von Heidegger verwendete Begriff Dasein gesetzt. Dies gründet in der Absicht, das neuzeitliche Subjektdenken zu überwinden, und an dessen Stelle einen angemesseneren, dem tatsächlichen Phänomen gerechter werdenden Blick auf das Wesen des Menschen zu erlangen.
Der Mensch wird als Dasein ausgelegt, welches sich wesentlich konstituiert in seiner Offenheit der Welt gegenüber. Dasein ist weltoffen, ist In-der-Welt-sein, d.h. dieses „Gegenüber“ wird nicht im Sinne einer Subjekt-Objekt-Beziehung und folgerichtig nicht als Bewusstsein, das einer Objektwelt gegenübersteht, verstanden, sondern als „In-sein“. Das Sein dieses Da, das Ausstehen dieses je eigenen Da, was bedeutet, auch für „Dinge“ und „Mitmenschen“ da zu sein, dies ist es, worum es dem Dasein im Wesentlichen geht. Existieren, so verstanden, bedeutet ein Aus-sich-heraus-stehen, offenständig sein als Erscheinungsstätte für das, was sich zeigt.
Dieses Sein ist kein Ding, auch nichts Seiendes, es ist vielmehr ein sich zeitigendes Geschehen, ein Anwesen; es ist also verbal zu verstehen. Die Grundzüge des Daseins, von Heidegger Existenzialien[6] genannt, eröffnen dem Dasein Weltbezüge, zum Beispiel ist die Befindlichkeit ein solches Existenzial. Die Befindlichkeit ist die existenzial-ontologische Bedingung der Möglichkeit, dass wir Stimmungen erfahren können. Die Stimmung eröffnet dem Dasein die Welt, das heißt, sie eröffnet die Weise, wie es sich je in seinem Da befindet. In dem Wort „Weise“ klingt ja die altertümliche Bezeichnung für Lied mit an, welches stets in einer bestimmten Stimmung erklingt. Die Stimmung wird als die Art verstanden, wie einem ist. Das Dasein wird durch die Stimmung angehbar, berührbar. Es wird betroffen, angegangen von Welt.[7] Unsere Stimmung eröffnet die Weise, wie wir für die Welt offen sind. In der Trauer zum Beispiel sind wir für ganz anderes offen als in der Langeweile, im Staunen oder in der Angst. In der Verstimmung dagegen ist das Dasein sich selbst gegenüber blind, die Umwelt und Mitwelt, der seine Sorge und Fürsorge gelten, verschleiert sich.[8]
Das Phänomen, dass wir zu sein haben bestimmt den Lastcharakter des Daseins. In bestimmten Stimmungen wird dieser Lastcharakter besonders offenbar, in der Angst beispielsweise, in der Leere und dem Hingehalten-sein in der tiefen Langeweile oder in der anhaltenden, ebenmäßigen, faden Ungestimmtheit. Das sind Stimmungen, denen wir gerne entfliehen möchten, sie vertreiben, und uns ablenken. Jedoch auch in solchem Ausweichen klingt der von Heidegger gemeinte Lastcharakter noch an.[9] Ein weiterer Grundzug des Daseins, als befindliches In-der-Welt-sein ist es, verstehend zu sein[10], was bedeutet, das Dasein versteht sich auf sein Sein. Der Mensch kann sich unmittelbar selbst verstehen und auch die ihm begegnenden Mitmenschen und Dinge. Diese drei Grundzüge des Daseins werden gemeinsam in der zeitlich verfassten Sorge als gestimmtes, verstehendes, Sein-bei ausgetragen. Weitere solche, dem Dasein wesensmäßig zugehörige Grundstrukturen, von Heidegger Existenzialien genannt, sind u.a. die Leiblichkeit, das Mitsein mit anderen Menschen, die Räumlichkeit, die Zeitlichkeit, die Sterblichkeit und die Möglichkeit, die nach Heidegger sogar höher als die Wirklichkeit steht[11] , was für das Traumverständnis der Daseinsanalyse fundamental ist.
Die wesentlichen Grundzüge des daseinsanalytischen Menschen- Welt- und Krankheitsverständnisses bilden die Grundlage, wie sich die Daseinsanalyse von den Phänomenen anblicken, ansprechen und leiten lässt. Was sich zeigt, wird phänomenologisch, in seinem eigenen Bedeutungsgehalt ausgelegt und ist immer auf das Ganze einer Lebensgeschichte zu beziehen. Von zentraler Bedeutung für die therapeutische Arbeit ist „der Vorblick auf den „ganzen“, gesunden Menschen“[12] . Martin Heidegger äußerte sich während der, „Zollikoner Seminare“ in dem Sinne, dass wir, wenn wir es mit der Krankheit zu tun haben, es in Wahrheit mit der Gesundheit zu tun haben, „im Sinne von fehlender, wieder zu gewinnender Gesundheit“[13] .
Der daseinsanalytischen Psychotherapie geht es um die Befreiung des Menschen zum eigentlichen Selbstsein. Dies bedeutet, der Mensch kann sich im Gespräch, das sich in Beziehung zum Therapierenden ereignet, immer mehr seiner eigenen Seinsweise bewusst werden, eigene Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erkennen, und entwickeln lernen, in selbstverantwortlicher Weise, dem Begegnenden zu entsprechen. Eingeengte Weltbezüge können sich so weiten und einer freieren Seinsweise Raum geben.
Dies gilt insbesondere für psychisch kranke Menschen, aber natürlich kann jede Person sich in einem solchen Prozess befreien. Das Aufmerksam-werden auf die aktuelle Seinsweise, das in Frage stellen, des bisher Gewohnten kann ein tiefergehendes, eigenverantwortlicheres Einlassen auf das Existieren ermöglichen. Das in unserem Existenzbereich zur Erscheinung kommende, soll zu freiest möglicher Entfaltung kommen.
Die Haltung der Therapierenden in der Daseinsanalyse ist abstinent, im Sinne der Sache, der Patientin oder des Patienten, die zur Sprache kommen soll. Dies ist ein länger dauerndes Geschehen, daher nehmen wir uns Zeit. Die Methode ist angelegt auf mehrere Stunden die Woche und dies über einen genügenden Zeitraum. Die Behandlung findet im Liegen statt, unter Beachtung der auf Freud zurückgehenden Grundregel[14], wo die Analysandin, der Analysand am Beginn der analytischen Zusammenarbeit aufgefordert werden, alles was in den Sinn kommt, auszusprechen, ohne Auswahl und ohne Rücksicht auf eigene Schamgefühle oder Hemmungen, aber auch auf den Analytiker und die Analytikerin. Die Daseinsanalyse, dies sei hier nur in alles Kürze bemerkt, sieht als einen der Grundzüge (Existenzialien) des menschlichen Seins, die Zeitlichkeit. Im Unterschied zur chronologischen, messbaren, Zeit der Alltagswelt ist die existenzielle Zeit ein Geschehen aus Gewesenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Diese drei sog. zeitlichen Ekstasen sind gleichursprünglich. Es geht nicht um eine Abfolge von Jetztpunkten, sondern die gelebte und erlebte Zeit als ursprüngliche Zeiterfahrung. Der Mensch ist ein sich zeitigendes Wesen. Wir haben jeden Moment unseres Lebens die Gelegenheit, dem Gewesenen eine einzigartige Zukunft zu geben, was auf den Möglichkeitscharakter der Existenz des Menschen als einem Freiheitswesen deutet.[15]
Das Sein mit unseren Patientinnen und Patienten geschieht in der therapeutischen Haltung der vorausspringend-befreienden Fürsorge in der die Sicherheit der therapeutischen Beziehung Raum gibt, Möglichkeiten eröffnet und dem zu behandelnden Menschen zutraut, dass er sich auf sein Sein versteht, sein kann. Das bedarf einer zugewandten Zurückhaltung, die dem Eigenwesen des Menschen größtmöglich Rechnung trägt. Eine ganz andere Weise der sich zeitigenden Sorge im Umgang mit den Mitmenschen ist die vorausspringende, auch befreiend genannte, Fürsorge. In „Sein und Zeit“ lesen wir, die vorausspringende Fürsorge sei eine Weise des Mitseins, die „...für den Anderen nicht so sehr einspringt, als daß sie seinem existenziellen Seinkönnen vorausspringt, nicht um ihm die »Sorge« abzunehmen, sondern erst eigentlich als solche zurückzugeben (...) Diese Fürsorge (...) verhilft dem Anderen dazu, in seiner Sorge sich durchsichtig und für sie frei zu werden[16].
Wenn die Patientin oder der Patient so weit ist, über ihre oder seine Verhaltensmöglichkeiten frei zu verfügen, Selbstverantwortung zu übernehmen und dies frei vollziehen zu können, dann ist die Psychotherapie beendet[17]. Denn die Grundverfassung des Menschen ist es, träumend wie wachend dem Zuspruch des Seins alles Seienden denkend und handelnd zu antworten.[18]
In der daseinsanalytischen Psychotherapie kommt der faktische, also der tatsächliche Vollzug des In-der-Welt-seins in den Blick. Es geht nicht um die hinter diesen Phänomenen liegenden Strebungen, sondern um die Phänomene selbst. Dies lässt sich an der Weise, wie sich die Daseinsanalyse vom träumenden Sein des Menschen ansprechen lässt, besonders gut zeigen. Somit ist die Traumauslegung ein fundamentaler Bestandteil der daseinsanalytischen Psychotherapie, die nach Möglichkeit mehrmals die Woche im Liegen stattfindet[19]. Dabei wird ausschließlich bei dem geblieben, was sich zeigt und keine Symboldeutung vorgenommen, sondern das im Traum vorliegende Geschehen phänomenologisch-hermeneutisch ausgelegt[20]. Phänomenologisch meint, aus dem Prozess, dem Vollzug der unmittelbaren Erfahrung des sich Ansprechen Lassens in ein Sehen- und Hören-lassen finden, worin das Erscheinende sich von sich selbst her zeigen kann. Dies führt nicht nur in eine unmittelbare Beschreibung, sondern wir gehen davon aus, dass in allem sich Zeigenden unthematisch etwas mitangezeigt ist. Wir fragen also nach dem Sein des sich zeigenden Seienden. Die Hermeneutik legt schließlich aus, will das Vorliegende verstehen und in einer Zirkelbewegung gelangen wir ein in immer tieferes Verstehen (nicht erklären). Es ist ein steter Kreislauf aus Interpretation und Erkenntnis, wobei das eigene Vorverständnis explizit gemacht und nicht ausgeklammert wird. Dieses Vorverständnis verändert sich durch weitere, tiefergehende Erkenntnis, hin zu einem immer tieferen, angemesseneren Verstehen oder sogar Nicht-Verstehen, denn vom Wesen einer Sache oder eines Menschen können wir viel weniger verstehen als nicht verstehen. Wucherer meint hierzu, „dass bei jeder Wesenserkenntnis uns eher bekannt ist, was etwas nicht ist, als was es eigentlich und im Grunde ist. Denn bei noch so großer Wesenseinsicht nimmt uns je immer größere Unbekanntheit des Wesensgrundes als Quell der Wesenserscheinung in Anspruch“[21].
Kommen wir nun zum träumenden In-der-Welt-sein
Träumend wie wachend sind wir. Es so zu sehen, entspricht dem Seinsverständnis der Daseinsanalyse. Wir haben zuvor gehört, dieses Sein wird nicht als gegeben oder nicht weiter zu hinterfragen, ja als etwas Objekthaftes verstanden, sondern als Anwesen, also verbal, aus dem Vollzug erfahrbar. Sein ist der Geschehnisvollzug dessen, dass überhaupt etwas ist, Sein ist Entbergung.
Dieses Verständnis wirkt sich auch auf die Weise aus, wie wir das träumende Sein des Menschen phänomenologisch betrachten und bringt uns zur Frage nach der Seinsweise des Traums.
Medard Boss‘ zweites Traumbuch, „Es träumte mir vergangene Nacht“ gibt schon im Titel den wesentlichen Hinweis, dieses „es“ verweist auf einen verborgenen Herkunftsbereich, aus dem her sich etwas zeigt, einem Schicken vergleichbar, wo uns das Geschickte erreicht, die sendende Person in der Gabe mit angezeigt, aber nicht persönlich anwesend ist. Es ist etwas, das uns anspricht und auch widerfährt, das wir also nicht machen. Dieses Es ist kein Teil eines psychischen Apparats, kein Reservoir aus Trieben, dies hier gemeinte Es umschreibt behutsam das Verborgene der Quelle „aus der ich mir selbst träumend gegeben bin“[22], wie bei Augustinus Wucherer zu lesen ist. Ich habe das Traumgeschehen als etwas, das mir zugeschickt ist, hinzunehmen oder zumindest damit umzugehen. Wucherer schreibt: „Wir rühren im Schlaf und der ihm zugehörigen träumenden Existenz an die Geheimnistiefe menschlichen Daseins überhaupt“[23].
Sieht man nicht nur die biologische Erholungsfunktion des Schlafes, sondern weitet den Blick auf das Phänomen, kann man dafür offen werden – ich zitiere wieder Wucherer – dass „das Erwachen in das Wachsein hinein die Er-holung aus dem Schlaf, im Sinne eines Wieder Herausholens der Existenz aus dem Versunkensein in die Verborgenheitsdimension“ [24] ist.
Dies schwingt stets in unserer Wachwelt mit, und wenn wir wieder schläfrig werden, einschlafen, vielleicht gar nicht merken, dass wir stetig träumen, besteht doch nach der Rückkehr aus dem Schlaf die Möglichkeit, Geträumtes in die Wachwelt einzubringen.
„Es gibt in Wirklichkeit weder einen gehabten, noch einen gemachten Traum als einen besitzbaren Gegenstand. Es gibt nur so oder anders träumende Menschen“[25] bringt es Johann Georg Reck auf den Punkt.
Ein Traum wird also nicht als Material oder Gegenstand verstanden, sondern als Existenzweise, er ist eine Weise des menschlichen Seins, die wir im Vollzug zumeist nicht als Traum erkennen, sondern erst im Erwachen wird uns klar, es hat uns geträumt, es ist uns träumend geschehen. Auch die Traumauslegung ist somit etwas, das im Wachen In-der-Welt-sein geschieht. Es mag jedoch einen Moment dauern, bis wir uns klar werden, dass wir träumten, denn es könnte uns gehen wie Tschuang-Tse, dem chinesischen Gelehrten, wo es nicht mehr sicher war, ob es nun Tschuang-Tse gewesen sei, der geträumt habe, er sei ein Schmetterling oder ob es ein Schmetterling sei, dem gerade träumte, er sei Tschuang-Tse[26].
Unsere Träume sind kostbar, Verdichtungen, Gespinste, aus dem schlafenden In-der-Welt-sein hinübergerettet in den Tag. Wir bewahren sie im Gedächtnis und retten sie, so - zumindest teilweise - ins Wache hinüber, wo sie uns „Tagwesen“[27] etwas zu sagen haben, wenn wir uns dem öffnen möchten. Trotzdem geschieht im träumenden Sein im Unterschied zum wachenden eine eigene Weise der Anwesung. Das Träumen eröffnet eine andere Wirklichkeit als das Wachen mit zusätzlichen Möglichkeiten. Die Traumwelt gehört zum Menschsein ebenso wie die Wachwelt. In ihrem Horizont verfügt der Mensch über alle Grundzüge des Menschseins (also die Existenzialien), ebenso wie in der Wachwelt. Seine Identität hält sich durch, das bedeutet, sie bleibt dieselbe. Nun drängt sich spätestens an dieser Stelle die Frage nach der Verschiedenheit von Traum- und Wachwelt auf.
Für Medard Boss zählten letztlich als die Kriterien der Unterscheidung die sich durchhaltende Identität und die Geschichtlichkeit der Wachwelt. Wir erwachen immer wieder in dieselbe Welt als dasselbe Dasein, welches in einer geschichtlichen Kontinuität steht. Als Träumende kehren wir aber nicht wieder in denselben Traum zurück und träumen ihn weiter (Luzides Träumen und Wiederholungsträume müssten hier eigens angesehen werden). Jeder Traum hat nur eine Geschichte innerhalb seines Ablaufs. Im Traumgeschehen entwickelt sich keine zweite Lebensgeschichte, die parallel zu der im Wachleben liefe. Hierauf weist Karl Baier hin[28]. In den Zollikoner Seminaren heißt es dazu: „Also darf man das Wachen nicht als Selbstverständlichkeit nehmen, sondern muss das Wachen als Wesensvoraussetzung nehmen, um über das Träumen überhaupt sprechen und Träume interpretieren zu können […] es gibt keine träumende Verständigung unter Träumenden über Träume“[29]. Im Träumen selbst können wir also den Traum nicht auslegen, wohl aber aus dem Wachen (wir könnten allerdings träumen, dass wir einen Traum auslegen). Sieht man Schlafen und Wachen nicht als Gegensatz sondern in ihrem zyklischen Charakter, es sind zwei Seinsweisen des je selben Daseins (die träumende Existenz ist auch nicht auf den Schlaf beschränkt, was heißt Schlafen und Träumen können nicht einfach gleichgesetzt werden).
Die Daseinsanalyse sieht also das Phänomen des träumenden In-der-Welt-seins durchaus unterschieden vom wachenden. Es sind verschiedene Weisen der Anwesung, in denen sich dem Dasein unterschiedliche Möglichkeiten zeigen.
Was die Auslegung betrifft, ist die Traumwelt nur über die Wachwelt zugänglich. Medard Boss spricht von einer „weitgehenden Einengung der Traumexistenz auf die sinnenhaft wahrnehmbare Gegenwärtigkeit des Begegnenden“[30] . Das träumende In-der-Welt-sein entspricht der Wesensverfassung des träumenden Menschen mehr als das wachende, denn es gleicht einer Verdichtung. Augustinus Wucherer schreibt hierzu:
„Das Träumen gleicht nicht der Wiedergabe der alltäglichen Zersplitterung in das Nebensächliche und Zufällige, die zur vollständigen Offenständigkeit des Wachen gehört. Was dem Träumenden in sinnenhafter Greifbarkeit erscheint, sind hingegen existenziell relevante Lebensbezüge und zwar in dichterischer Verdichtung. Träume enthüllen wesenhaft geballte Bahnungen, Irrwege und Aussichtslosigkeiten, ebenso wie aussichtsreiche Wege des Lebens […] Im Träumen scheinen wir aus der ontologischen Möglichkeitsfülle unsere Daseins (als Daseinkönnen) zu schöpfen; es entwirft und enthüllt echte und reale Existenzmöglichkeiten für deren freien Bezug wir in der Wachwelt offen stehen; aber es enthüllt auch Unmöglichkeiten, etwa das verstickt sein in einen unfreien, verengten Weltbezug, die Abwehr des uns Zugewiesenen […], die Flucht vor dem unabänderlich Notwendigen, oder es setzt sich mit Unvollziehbarem und damit Unwirklichem auseinander…“[31]
Oft sind es gerade die Alpträume, die uns so auf eine unfreie Seinsweise aufmerksam machen und uns im Wachen achtsamer, sensibler für unsere Lebensweise werden lassen.
An dieser Stelle würde ich gerne noch auf die Unterscheidung von Wirklich und Unwirklich eingehen. Träume werden ja gerne als Schäume bezeichnet, als Gespinste, die nicht ernst genommen werden müssen, die man abtun kann, die im vernunftgeleiteten Hier und Jetzt nicht den Kriterien der intersubjektiv geteilten Realität entsprechen. Und wenn, werden sie allenfalls als Produkt des subjektiven Bewusstseins, bzw. dessen Unbewusstem, aufgefasst und werden als solches operationalisierbar, also in messbare Größen umgewandelt und so im
Erkenntnisprozess den Kriterien wissenschaftlicher Überprüfung angepasst.
Die Daseinsanalyse enthält sich dieser Sicht, setzt ursprünglicher an, bei der Erfahrung des träumenden In-der-Welt-seins. Der Traum wird hier nicht als Produkt aufgefasst. Wenn unter Wirklichkeit nur das berechenbare Vorhandene, das Greif- und Ergreifbare, der messbare Bestand verstanden wird, sind Träume tatsächlich schwer zu fassen. Das menschliche Subjekt hat ein Bewusstsein und steht einer Objektwelt gegenüber. Die Daseinsanalyse denkt dagegen das Verhältnis von Mensch und Welt wesentlich intimer, der Mensch zeigt sich als ein Wesen, dass immer schon draußen in einer Welt mit den Menschen existiert, er ist die Lichtung des Seins, eine Erscheinungsstätte. So ist auch das träumende Existieren offen für die Begegnung mit Anwesendem im Horizont der Traumwelt, wird angesprochen und entspricht. Im Traum zeigt sich somit immer auch ein Weltbezug der träumenden Person, was psychotherapeutisch sehr relevant ist.
Heidegger selbst hat in der Vorlesung zu Hölderlins Hymne „Andenken“ 1941/42 folgendes bemerkt:
„Die Träume sind hier nicht das entschwindende Unwirkliche im Verhältnis zum Wirklichen, sie selbst sind, wenn wir einmal in dieser Unterscheidung denken sollen, das Wirkliche, dasjenige, was seiender ist und erfüllter vom Sein als das in der kunstlosen Nutzung nur Aufgeraffte und Verzehrbare. Dies, das handgreifliche in der Vernutzung Ermattete und Abgegriffene und dennoch Aufsässige ist das Unwirkliche. Jetzt bedeutet das >Traumhafte< das Gegenteil: die Träume sind jetzt nicht Schäume, sondern die Woge selbst, das Meer selbst – das Element selbst.“[32]
Nach Heidegger gehört zum Sein des Menschen auch ein Nichtsein. Gemeint ist hier allerdings ein Nichts der Fülle, gespeist aus der Mannigfaltigkeit des Möglichen, dass noch nicht ist. So kommt er zu der Aussage:
„Das Traumhafte kann hier nicht das Unwirkliche im Sinne des bloßen Entschwindens und Nichtseins meinen; im Gegenteil: das Traumhafte betrifft das Realwerden des Möglichen im Idealwerden des Wirklichen. Das Wirkliche geht zurück in die Erinnerung, indem das Mögliche und zwar als das Kommende die Erwartung bindet. Dieses in einem ist dort, wo die Kunst die Geschichte stiftet, ein Traum. Der Traum bringt die noch nicht angeeignete Fülle des Möglichen und bewahrt die verklärte Erinnerung an das Wirkliche“.[33]
Tatsächlich rückt Heidegger in der Vorlesung zu Hölderlins Hymne Andenken, das träumende und das künstlerische Sein in die Nähe zueinander. Wenn wir annehmen, dass es sich bei dem, was es uns träumt um ein Wahrheitsgeschehen handelt, in Form einer Verdichtung, dass also Träumen etwas Ereignishaftes ist, ergibt sich hier die Nähe zu einem, dem ähnlichen Verständnis von Kunst, welche die Wahrheit ins Werk zu setzen vermag. Dies ist ein Gedanke, der hier allerdings nicht weiterverfolgt werden kann.
Wie zeigt sich nun der daseinsanalytische Zugang zur träumenden Existenz in der psychotherapeutischen Praxis?
Träume haben uns etwas zu sagen, haben Bedeutung, was heißt, sie deuten ihrerseits auf etwas hin. Wir betrachten den Traum nicht als Material, sondern als Zuspruch des Seins.[34]
Wir lassen die Traumphänomene von sich selbst her sprechen und deuten sie nicht um. D.h., wir bleiben bei dem, was ist und fügen dem nichts hinzu. Träume deuten schon von sich selbst her auf etwas hin. Diesen Hinweisen zu folgen, auf diese Winke zu achten, ist therapeutisch von großem Nutzen. Bleibt man bei dem, was sich zeigt und fügt nichts hinzu, deutet nicht um, ergibt sich bereits eine solche Fülle, dass es vollkommen genügt, dabei zu bleiben, was uns dies zu sagen hat. Nach Medard Boss benötigt die Daseinsanalyse nur den manifesten Traum und keine weiteren Informationen zum träumenden Menschen, um den Traum phänomenologisch-hermeneutisch auslegen zu können. Allerdings ist natürlich das Wissen, welches wir um die Lebensgeschichte und die aktuelle Lebenswelt mit ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten haben, der Hintergrund, der im Verständnis der Träume mitschwingt. Im Gespräch mit dem Analysanden, der Analysandin ergeben sich in der Wachwelt Analogien zu den Traumphänomenen: Verhaltensweisen, Einengungen, Stimmungen, Konflikte, Schwierigkeiten. Im Träumen erscheinen dieselben Themen wie im Wachen. Nur im Traum geschieht dies in verdichteter Form, ganz allein bezogen auf die Existenz des Träumers oder der Träumerin. Die Welt des Traumes entspricht der Weltoffenheit der oder des jeweilig Träumenden genau.
„Die Traumwelt, mit den in ihr erscheinenden Dingen und Geschehnissen ist die in Szene gesetzte Weltoffenheit der Träumenden und hat keinen Überschuss über sie wie die uns im Wachen gemeinsam zugängliche Welt. Deshalb gibt es im Traum keinen Zufall, alles ist bedeutsam auf das Dasein des Träumenden bezogen“[35], lesen wir bei Karl Baier.
Eine im Traum erscheinende Schlange ist eine Schlange und nichts als eine Schlange. Von dieser Schlange her, die mir im Traum aus dem Offenen der Welt her begegnet, kann mir etwas aufgehen über das schlangenhafte meiner existenziellen Verfasstheit und meine Verhaltensmöglichkeiten dazu.
Ein Traum gibt Auskunft über Befinden, Aufenthalt und Beziehungsmöglichkeiten der träumenden Person. In ihm zeigen sich verengte, aber auch freiere, offenere Weltbezüge, es kann sich also zeigen, was möglich ist bzw. möglich sein wird. Insbesondere geschieht letzteres in den von Hölderlin so genannten „goldenen Träumen“[36], welche einen seltenen Einblick in die Tiefe und Weite des menschlichen Wesens geben, erfahren lassen, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht, nämlich, dass er damit gewürdigt ist, Anwesendes zu vernehmen, diesem auf ureigene Weise zu antworten und damit dem Gewesenen eine einzigartige Zukunft zu eröffnen.
Vor allem die Grundstimmungen, die uns ja das Sein im Ganzen eröffnen, sind im Traum deutlicher präsent. Daher fragen wir unsere Patientinnen und Patienten nach der Stimmung, in welcher sie sich im Traum befunden haben.
Wir fragen „wie“? Eine weitere Frage ist die nach dem Ort, der Weltgegend, wo sich die oder der Träumende im Traum aufhielten.
Wir fragen „wo“? Hier ist auch von Interesse, ob der Person, die den Traum erzählt, der Ort bekannt ist oder sie an etwas erinnert. Schließlich interessieren uns dafür, wer oder was der oder dem Träumenden im Traum begegnete und welche Verhaltensweisen diesem Begegnenden gegenüber möglich waren.
Wir fragen also „was“? Auch bezüglich der im Traum begegnenden Menschen interessiert uns, ob die Person bekannt ist oder an jemanden erinnert. Verständnisfragen zum erzählten Traum sind darüber hinaus natürlich auch möglich.
Hier ein Beispiel für diese Art der Auslegung. Eine 40-jährige Frau träumt:
Ich gehe am Boden, irgendwo in der Natur. Zuerst sieht das wie Wurzeln aus, dann sind es lauter Schlangen, das ist sehr unangenehm. Es sieht aus wie Hydra, weil es so viele sind, monsterhaft, überall. Eine Riesen Schlange kommt aus der Erde und schaut mich an. Das waren langsame Schlangen. Ich glaube, da war jemand bei mir, aber ich weiß nicht wer?
1) Frage: Wie ist die Stimmung der Träumerin im Traum? Sie gibt an, sie fühlte sich unsicher, fragte sich, ob das gut ausgehen werde. Anfangs sei sie ängstlich vor den Schlangen gewesen, dann aber beruhigt und schließlich gelassen.
2)Frage: Wo befindet sich die Träumerin? Sie ist irgendwo, an einem ihr im Wachen unbekannten Ort, in der Natur gehend unterwegs, also draußen.
3) Was begegnet der Träumerin hier? Zuerst begegnen ihr Wurzeln. Wurzeln verankern Lebendiges fest in tragendem Grund. Sie reichen weit und verzweigt in die Tiefe, von woher sie Nahrhaftes aufnehmen, die Pflanze so versorgen und ihr Leben sichern. Im übertragenen Sinn vermögen Wurzeln auch von Heimat oder Herkunft zu künden. Die Wurzeln aber verwandeln sich, bzw. erscheinen im Weiteren als Schlangen. Von Grund auf zeigt sich da etwas lebendig werdend. Schlangen sind jedoch eine Tierart, die sich kriechend am Boden (im Schmutz) schlängelt, Reptilien, also kaltblütig, sie können beißen, uns packen, und giftig sein, sogar töten. Eine Schlange kommt sogar aus der Tiefe und sieht die Patientin an. Der ganze Grund auf dem die Frau geht, der sie trägt, verlebendigt sich sozusagen augenscheinlich in einer Vielzahl von Schlangen, das ist ihr zuerst ganz und gar nicht geheuer.
4) Was sind ihre Möglichkeiten mit dem Begegnenden umzugehen? Sie hat Angst. Dennoch, sie läuft nicht weg und hält aus. Ihr geht sogar auf, dass die Schlangen ihr nichts tun würden. Eine Schlange blickt sie an, stellt sie mit ihrem Blick, was noch deutlicher werden lässt, die Träumende selbst ist gemeint, es geht hier um sie. Die Langsamkeit der Schlangen aber lässt sie ruhiger werden, sie ist nicht überfordert, sondern dem, was sich ihr zeigt, gewachsen. Die Träumende hat in diesem Traum einen Menschen an ihrer Seite, der aber ungreifbar bleibt. Wir wissen nicht, wer es gewesen ist, ob ein Mann oder eine Frau, ein Erwachsener oder ein Kind. Wichtig jedoch scheint mir, dass sie diese Begegnung mit dem Lebendigen, das ihr nun von einem, dem menschlichen Wesen so fremden Schlangenwesen her aufgeht, nicht alleine bestehen muss.
Diesen Traum brachte eine ängstlich, selbstunsichere, nach einer strittigen Scheidung vom dominanten Ex-Ehemann recht eingeschüchterte Patientin im dritten Monat der daseinsanalytischen Behandlung. Hier zeigt sich, wie allmählich ihr Weltbezug lebendiger wird, die Erfahrung von einem sich schlängelnden, wilden Tier her, dass der tragende Grund, das Wurzelnde, lebendig wird und sie dem gewachsen ist, bedeutet den Beginn weiterer Öffnung und Erholung ihrer Seinsweise, die bisher sehr angepasst, zurückgezogen und schüchtern eingeengt gewesen war.
Da wir die Traumerscheinungen nicht als psychische Produkte, die innerhalb eines Bewusstseins auftreten, betrachten, sondern als Phänomene des träumenden In-der- Welt-seins, das uns auch im Wachen etwas zu sagen hat, hat das, was sich zeigt Vorrang und soll nicht umgedeutet werden. Wir sind bemüht, beim Phänomen zu bleiben, also bei dem, was die Traumbotschaften von sich selbst her zu sagen haben. Wir unternehmen keine Deutungsversuche auf der Objekt- oder Subjektstufe, keine Amplifikationen und Assoziationen, weil das leicht von der Sache des Traumes wegführen könnte. Es besteht allerdings tatsächlich eine Ähnlichkeit mit der subjektstufigen Betrachtungsweise, weil wir davon ausgehen, dass alles, was uns im Traum erscheint, auch mit genau uns zu tun hat. Eine im Traum erscheinende unbekannte Frau ist also nicht die Träumende selbst, sondern von dieser Frau her kann der Träumenden etwas über das eigene Frau-sein aufgehen.
Wir können den Menschen, der einen Traum erzählt, fragen, was ihm im Wachen zu dem Geträumten aufgeht. Nach Möglichkeit soll er jedoch beim Geträumten gehalten werden und nicht davon abdriften, denn dann kann der Traum in einen Grund verweisen, von dem her er spricht und Bedeutung erhält.
Diese Auslegung der Träume ist ein hermeneutisches Verfahren, die träumend zum Vorschein gebrachten Phänomene sollen bis in alle Einzelheiten vergegenwärtigt werden und gemeinsam – einem Teppich gleich - ausgelegt, in ihrem Erscheinen gewürdigt werden. Dies bedarf eines aufmerksamen und geduldigen Hinhörens, um zu vernehmen und zu verstehen. Wir möchten uns des Deutens enthalten. Denn es bleibt eine stete Versuchung, weil unser alltägliches Denken und Schließen auf diese Weise ausgerichtet und geprägt ist. Sich im Sinne der Sache unserer Patientinnen und Patienten zu enthalten und nicht mit vorschnellen, effizienten Deutungsangeboten zu kommen, ist das, worin wir uns üben, und gehört zur abstinenten Haltung, die wir einnehmen.
Die Daseinsanalyse unterscheidet zwischen Auslegung und therapeutischer Anwendung. Da die therapeutische Haltung in vorausspringend-gewährender Fürsorge besteht, springen wir Therapeutinnen und Therapeuten nicht gleich mit Hinweisen ein, sondern nehmen uns Zeit und beachten dabei auch die Tragfähigkeit der zu behandelnden Person. Mit der sorgfältigen Beachtung des vorgebrachten Traumes, sei es auch nur teilweise erinnert oder vage empfunden, aber immerhin ausgesprochen, erweitern sich Wahrnehmung und Möglichkeiten.[37]
Danach ist es durchaus möglich die Person, die geträumt hat, zu fragen, ob ihr nach dem Erwachen noch etwas mehr über ihren Aufenthalt, ihre Bezüge ihre Lebensweise aufgegangen ist[38]. In der gemeinsamen Auslegung ergibt sich somit wiederum ein hermeneutischer Zirkel, wo sich Traumwelt und Wachwelt gegenseitig erhellen können, „…und einen vertieften Einblick in die existenzielle Situation“[39] und die Seinsweise der oder des Träumenden gewähren, wie Uta Jaenicke gezeigt hat[40]. Wie bereits weiter oben ausgeführt, kann ein Traum auch ohne die Träumerin oder den Träumer phänomenologisch ausgelegt werden, jedoch ist, was sich zeigt, reicher und adäquater verstehbar im Gespräch mit der oder dem Träumenden gemeinsam. Was in solch einem therapeutischen Gespräch jeweils an- und ausgesprochen wird, welche Hinweise nützlich scheinen, um der Sache der Patientin oder des Patienten willen, entscheidet sich in der jeweiligen Behandlung mit Rücksicht auf den Zeitpunkt der Behandlung und die therapeutische Relevanz. Da ein therapeutisches Gespräch im Einzelsetting ein Vorgang zwischen zwei Menschen ist, das nicht gemacht werden kann, der ereignishaft geschieht, wird sich je im einzelnen Fall entscheiden, was angemessen und therapeutisch nützlich ist.
Durch diese Vorgangsweise, die der Patientin und dem Patienten zutraut den Anspruch des Seins allmählich zu vernehmen, kann Vertrauen wachsen und im Beisein der Therapeutin oder des Therapeuten allmählich immer mehr eigene Möglichkeiten entdeckt werden, dem Zuspruch des Seins zu vernehmen und zu entsprechen, geht es doch um eine Befreiung zum eigentlichen Selbst.
„Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt, auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie zusammengefunden wie damals einmal und wie später einmal, in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirne auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und Du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben Dir. Warum wachst Du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß dasein.[40]”
Franz Kafka
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[1] Der Titel ist eine Abwandlung von Friedrich Hölderlins Vers „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ aus der Hymne „Andenken“.
[2] Aus einem Brief des 21-jährigen Franz Kafka an seinen Freund Max Brod vom 28.8.1904 in Kafka, Franz (1999): Briefe 1900-1912, S. 39.
[3] Dieser Text ist die erweiterte und überarbeitete Fassung des Vortrags, den ich am 5. Dezember 2025 im Otto-Maurer-Zentrum in Wien im Rahmen des Schulendialogs zum Thema: Zugänge zum Traumphänomen hielt. Weitere Teilnehmerinnen an dieser Veranstaltung waren Frau Dr.in. Anita Dietrich-Neunkirchner (Psychoanalyse), und Frau Dr.in. Gabriele Holzinger (Integrative Gestalttherapie).
[4] Helting (1999): Einführung S. 32
[5] Heidegger (1993): SZ S. 34
[6] ebd. 44
[7] ebd. 134ff.
[8] ebd. 136f.
[9] ebd. 134
[10] ebd. 142ff.
[11] ebd.: SZ, S. 38 f.
[12] Foerster, Vetter (1994): Daseinsanalyse, S. 194
[13] Heidegger (1994): Zollikoner Seminare, S. 59
[14] Freud (1997): Zur Einleitung der Behandlung, S. 194
[15] Helting (2002): Philosophische Aspekte der daseinsanalytischen Traumauslegung, S. 95f.
[16] Heidegger (1993): SZ, S. 122
[17] Schoeller (2008): Träumen - Aufbruch zu freierem Verhalten, S. 110
[18] Reck (2020): Sehen- und Hörenlassen, was ist, S.208
[19] siehe hierzu Medard Boss (1974): Der Traum und seine Auslegung
[20] Aigner, Libisch (2021): Daseinsanalyse, S. 126 (überarbeitet und gekürzt d. d. Verf.)
[21] Wucherer (2008): Fragen um den Beginn des Träumens, S. 85 (Hervorhebung d.d. Verf.)
[22] ebd., S. 82
[23] ebd., S. 83
[24] ebd.
[25] Reck (2020): Bedeutung der Träume für die Psychotherapie. In Reck: Sehen- und Hörenlassen, was ist, S. 207
[26] Boss (1974): Der Traum und seine Auslegung, S. 9
[27] Heidegger (1996): Hölderlins Hymne „Andenken“, S. 111
(Heidegger gibt hier einen Vers von Pindar aus der Ode „Pythia“ in der Übersetzung Friedrich Hölderlins wieder).
[28] Baier (2009): Probleme der Ontologie bei Medard Boss, S. 142
[29] Heidegger (1994): Zollikoner Seminare, Hg. Boss, S. 291
[30] Boss (1991): S. 229
[31] Wucherer (2008): Fragen um den Beginn des Träumens, S. 85 (Hervorhebung d.d. Verf.)
[32] Heidegger (1996): Hölderlins Hymne „Andenken“, S. 122
[33] ebd. S.121
[34] Reck (2020): Die Bedeutung der Träume für die Praxis der Psychotherapie in Reck, Sehen- und Hörenlassen, was ist, S.
[35] Baier (2009): Ontologie des Traumes bei M. Boss, S. 144
[36] Heidegger (1996): Hölderlins Hymne „Andenken“, S. 122
[37] Reck: Zehn Traumthesen (nach Medard Boss), S. 216 - 217
[38] Reck: Bedeutung der Träume für die Psychotherapie. S. 212 - 215
[39] Wucherer: Fragen um den Beginn des Träumens, S. 84
[40] Jaenicke, U.: Traumdeutung, S. 192
[41] Kafka (2008): Versunken in die Nacht…, S. 99 (kursiv gesetzt d.d.V.)
Literaturverzeichnis
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Spitzer (jetzt Aigner), Charlotte: (2013) Die Zauberlehrlinge des Seins. Suchtverständnis und Suchtbehandlung vor dem Hintergrund der psychotherapeutischen Daseinsanalyse. In: Rausch. Wiener Zeitschrift für Suchttherapie“, 2. Jahrgang, Heft 4, S. 289-297
Vorlaufer, Johannes: Wachsein für Träume. Modalontologie und Hermeneutik bei Martin Heidegger. In: Studia philosofica 71/2024/1, S. 7-21, Online-Zeitschrift, abrufbar unter: https://doi.org/10.5817/SPh2024-1-2, letzter Aufruf am 06.12.2025
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© Charlotte Aigner, Dezember 2025